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Forschung
Stand: 07/2021

BM Forschung

In Zusammenarbeit der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) mit mehreren Forschungsinstituten wurde die Belastung der Lendenwirbelsäule bei der Pflege und Betreuung von Menschen erfassbar, berechenbar und darstellbar gemacht. Zusammengenommen verweisen die vorgestellten Ergebnisse immer wieder darauf, dass nur mit einer integrativen, ganzheitlichen Herangehensweise und intensivem Hilfsmitteleinsatz die Prävention von Muskel-Skelett-Erkrankungen (MSE) erreicht werden kann. Es gehört zu den wichtigen Aufgaben der an der Prävention beteiligten Institutionen und Expertinnen bzw. Experten, den Führungskräften und Beschäftigten diese Erkenntnisse zu vermitteln und entsprechende Konsequenzen für eine Prävention von MSE abzuleiten.

Erkenntnisse aus der Forschung zur Belastung der Lendenwirbelsäule (LWS) können mithilfe verschiedener Ansätze gewonnen werden, z. B.:

  • Die Grundlagenforschung zur Höhe der Druckbelastung der LWS erfolgt in der Regel im Laborversuch. Dies liegt daran, dass diese Belastung nicht direkt an der Bandscheibe gemessen werden kann. Deshalb werden komplexe externe Messeinrichtungen und Körperhaltungserfassungssysteme und Programme zur Simulation der Reaktionen und Kräfte im menschlichen Körper benötigt. Dies macht Forschung in diesem Bereich aufwendig und teuer.
  • Interventionsstudien hingegen testen in der Regel eine Maßnahme an Beschäftigten, wobei zwei oder mehr Gruppen miteinander verglichen werden. Beispielsweise wird eine ergonomische Arbeitsweise unter Verwendung von Hilfsmitteln einer Maßnahme gegenübergestellt, die z. B. eher eine Verbesserung der Fitness als Ziel hat. Beide Maßnahmen werden z. B. hinsichtlich des Schmerzempfindens verglichen. Diese Studien sind oftmals nur auf der personenbezogenen Ebene angesiedelt und haben deshalb nur einen darauf begrenzten Aussagewert. Sie entstehen in der Mehrzahl als Master- oder Doktorarbeiten und sind weniger aufwendig als Laborstudien.

An dieser Stelle werden die wichtigsten Ergebnisse der Grundlagenforschung und deren Interpretation für die Prävention dargestellt. Es wird deshalb auf das im Anhang aufgeführte Literaturverzeichnis zu den wissenschaftlichen Veröffentlichungen verwiesen.

Forschungsstudie „Lendenwirbelsäulenbelastung bei ausgewählten Pflegetätigkeiten mit Patiententransfers“

Das Leibniz-Institut für Arbeitsforschung an der TU Dortmund (IfADo) hat im Auftrag und unter wissenschaftlicher Begleitung der BGW in einer Laborstudie die (bio-)mechanische Belastung der Lendenwirbelsäule von professionell Pflegenden bei Tätigkeiten in der Pflege und Betreuung untersucht, die mit dem Bewegen von Menschen verbunden sind. Diesen Tätigkeiten wird eine hohe Belastung der Lendenwirbelsäule zugeschrieben. Untersucht wurden die verschiedenen Tätigkeiten mit eher aktiven und eher passiven Patienten jeweils mit einem Gewicht von 65 bzw. 90 Kilogramm.

Das Ziel der Studie war:

  • quantitativ die Belastung der Lendenwirbelsäule mithilfe verschiedener Indikatoren zu beschreiben,
  • das Risiko für die Belastung zu bewerten,
  • mit den Ergebnissen die Ermittlung der arbeitstechnischen Voraussetzungen nach dem sog. Mainz-Dortmunder Dosismodell (MDD) für die Beurteilung der Berufskrankheit BK 2108 „Bandscheibenbedingte Er-krankungen der Lendenwirbelsäule“ zu unterstützen,
  • Maßnahmen zur Arbeitsgestaltung zu untersuchen und
  • Möglichkeiten für eine biomechanisch fundierte Prävention im Hinblick auf die Arbeitsplatzgestaltung, die Arbeitsweise und den Einsatz von kleinen Hilfsmitteln abzuleiten.

Die Messungen haben gezeigt, dass die Lendenwirbelsäulenbelastungen der professionell Pflegenden weit höher sind, als jahrelang angenommen wurde. D. h. diese Belastungen wurden lange unterschätzt. Das Maß der Belastung lässt sich zwar durch eine ergonomische Körperhaltung und ergonomische Bewegungsabläufe kombiniert mit der Nutzung der Ressourcen der zu bewegenden Menschen reduzieren, aber nicht immer auf ein schädigungsfreies Maß.

Der entscheidende Faktor in dieser Studie ist jedoch die Kombination dieser Arbeitsweise mit der Verwendung von Kleinen Hilfsmitteln. Die Umsetzung einer solch ganzheitlichen Herangehensweise kann bei Tätigkeiten, bei denen kleine Hilfsmittel angewandt werden, die Druckbelastungen im Bereich der Lendenwirbelsäule um bis zu zwei Drittel reduzieren.

Die Abbildung zeigt, dass bei den drei sehr häufig praktizierten Aktivitäten „Bewegen Richtung Kopfende“, „Verlagern an die Bettkante“ und „Umsetzen von der Bettkante in den Stuhl“ bei eher aktiven Klientinnen und Klienten erst durch die Kombination von Hilfsmitteln und ergonomischer Arbeitsweise die Druckkraft an der Bandscheibe L5/S1 bei Frauen von 2500 N unterschritten werden können. Bei eher passiven oder schwergewichtigen Menschen kann dieses Ziel jedoch in der Regel nicht erreicht werden.

Forschungsstudie „Biomechanische Bewertung der Belastung der Lendenwirbelsäule von Pflegepersonen beim Bewegen von schwergewichtigen Patienten“

Eine andere Studie des IfADo und der BGW untersuchte in einer Laborstudie die (bio-) mechanische Belastung der Lendenwirbelsäule von professionell Pflegenden beim Bewegen von schwergewichtigen Menschen (90 bis 150 Kilogramm Körpergewicht) und dem Arbeiten zu zweit.

Die Forschungsergebnisse haben nicht nur die steigende Belastung der Beschäftigten mit zunehmendem Körpergewicht des zu bewegenden Menschen bestätigt, sondern darüber hinaus auch eine erhebliche Steigerung der Belastung durch die besonderen Körperausmaße (Körperumfang, aber auch Körperlänge) der schwergewichtigen Menschen aufgezeigt. Das Bewegen schwergewichtiger Menschen ist bei der konventionellen, aber auch bei der optimierten Arbeitsweise ohne die Mithilfe des zu bewegenden Menschen oftmals nicht mehr bzw. nicht schädigungsfrei möglich.

Bei schwergewichtigen, eher passiven Menschen zeigt es sich besonders, dass der Einsatz von technischen Hilfsmitteln wie z. B. Liftern notwendig ist, um gefährdende Rückenbelastungen zu vermeiden.

Manuelles Arbeiten zu zweit

Im Rahmen der Forschung zu schwergewichtigen Menschen wurde exemplarisch die Belastung der beiden professionell Pflegenden für das Bewegen eines 130 Kilogramm-Patienten zu zweit in Richtung Kopfende ermittelt. Die Ergebnisse für diese oftmals propagierte Präventionsmaßnahme „Arbeiten zu zweit“ zeigen, dass es nicht möglich ist, eine gleichartige Bewegung synchron auszuführen und somit eine weitgehend gleichverteilte Belastung der professionell Pflegenden zu erreichen. Die Aktionskräfte der jeweiligen Pflegenden sind sehr unterschiedlich und bewegen sich bei einer Verteilung von 40 zu 60 Prozent bis zu Extremen von 20 zu 80 Prozent. Daraus folgt, dass das Arbeiten zu zweit in der Regel keine wirksame Präventionsmaßnahme zur Entlastung des Personals sein kann. Im Notfall oder zur Ergänzung weiterer Maßnahmen (z. B. Einsatz von Hilfsmitteln, Sicherung des Menschen beim Umlagern) ist das Arbeiten zu zweit ggfs. sinnvoll.


Forschungsstudie „Ableitung tätigkeitsspezifischer biomechanisch begründeter Handlungsanleitungen für rückengerechtes Bewegen von Patienten“

Eine weitere Studie des IfADo und der BGW untersuchte, ob sich tätigkeitsspezifische Merkmale von Beschäftigten und zu bewegenden Menschen identifizieren lassen, die für eine geringere Belastung der Wirbelsäule der Beschäftigten verantwortlich sind, um daraus biomechanisch begründete Handlungsanleitungen für eine optimierte Tätigkeitsausführung abzuleiten.

Es wurden 5 Kategorien identifiziert: Patientenmithilfe, Arbeitsweise, Oberkörperhaltung, Beinstellung und Krafteinsatz.

Daraus wurden tätigkeitsspezifische Handlungsanleitungen entwickelt, die wirkungsvoll zur Begrenzung der Wirbelsäulenbelastung professionell Pflegender beim Bewegen von Menschen beitragen können. Zudem sind sog. „übergeordnete“ Merkmale zu beachten wie die Einstellung der „Höhe der Bettfläche“, die intensive Verwendung „Kleiner Hilfsmittel“ und das möglichst „symmetrische Arbeiten“ hinsichtlich Körperhaltung, -bewegung und Krafteinsatz.

Forschungsstudie „Messtechnische Analyse von ungünstigen Körperhaltungen bei Pflegekräften – Eine geriatrische Station im Vergleich mit anderen Krankenhausstationen“

Das Ziel dieser BGW-Studie war, herauszufinden, wie lange professionell Pflegende pro Schicht in einer nach vorn gebeugten Haltung arbeiten und welche Faktoren das Auftreten dieser Oberkörperhaltung beeinflussen.

In dieser Studie wurden alle Oberkörper-Neigungen mit dem sogenannten CUELA-Messsystem (Computerunterstützte Erfassung und Langzeitanalyse) bei Altenpflegekräften und Krankenpflegekräften aufgezeichnet. Insgesamt wurden 79 Frühdienste analysiert:
27 in Altenpflegeheimen und 52 in Krankenhäusern.

Alle Messungen wurden durch Videoaufzeichnungen unterstützt. Die Messergebnisse wurden auf der Grundlage von Empfehlungen aus einer Norm einer ergonomischen Bewertung unterzogen. Anschließend wurden die Ergebnisse der Krankenhausstationen mit denen der Altenpflegestationen verglichen.

Ergebnisse: Die Gesamtdauer der Oberkörper-Neigungen pro Schicht war für Altenpflegeheim und Krankenhaus unterschiedlich. Ein wesentlicher Faktor war das Ausmaß an Grundpflegetätigkeiten, die von den Pflegenden durchgeführt wurden. Altenpflegekräfte arbeiteten doppelt so lang pro Schicht in vorgebeugter Haltung, verglichen mit Krankenpflegekräften. Sie beugten sich ein Drittel häufiger pro Schicht.

Fazit
Die genannten Studien zeigen, dass es entscheidend für die Prävention von MSE ist, einen ganzheitlichen Ansatz gemäß dem TOP-Modell zu vermitteln und das Bewusstsein u. a. für die Beschaffung und den Einsatz von Hilfsmitteln zu stärken. Diese Erkenntnisse sind in die folgenden Einflussfaktoren und Maßnahmen eingeflossen.

Der hier verwendete Text wurde aus der DGUV Information 207-010 „Bewegen von Menschen im Gesundheitsdienst und in der Wohlfahrtspflege – Prävention von Muskel- und Skelett-Erkrankungen“ entnommen.

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